Wie alles begann und wie es weiter geht ....

Das uns am 13.12.2004 der Besuch beim Frauenarzt direkt ins Klinikum Aachen führen würde, hätten wir uns nicht gedacht. Ein verkürzter Muttermund und ein paar Blähungen waren die Diagnose und wir sollten das kontrollieren lassen. Nach stundenlangen Untersuchungen, war der Muttermund plötzlich allen egal, nur der Schmerz im Oberbauch interessierte noch und wir hörten den Begriff zum ersten Mal, den Begriff, der unsere nächsten Tage und Wochen bestimmen würde: HELLP-Syndrom.

Die Definition ist nicht gerade leicht verständlich, so versuche ich mit meinen Worten zu erklären, was diese Krankheit ausmacht. Binnen von Minuten explodieren die Leberwerte und die Blutplättchen (Thrombozyten), die für die Gerinnung zuständig sind fallen in lebensbedrohliche Tiefen. Unsere Frage nach dem "Warum" konnte uns niemand exakt beantworten. Wir gaben uns mit folgender Erklärung zufrieden: Es ist als sitze jemand auf einer erhöhten Position und zeigt mit seinem Finger auf uns und sagt: "Jetzt seid ihr dran". Die Medizin ist noch nicht so weit, genau zu erklären woher diese Krankheit kommt und wie man sie im Vorfeld erkennen, geschweige den vorbeugen kann. Die Gefahr besteht vor allem für die werdende Mutter.

Sabine wurde von jetzt auf gleich auf "intensive Betreuung" eingestellt und es folgten zahlreiche Besuche von diversen Ärzten aller Fachrichtungen. Ein HELLP-Syndrom in der 21. Schwangerschaftswoche (SSW) machte uns zur Attraktion im UKA (Universitätsklinikum) Aachen. In den ersten zwei Tagen wurden wir mit allerlei Möglichkeiten konfrontiert und den damit verbundenen Entscheidungen, die wir zu treffen hatten. So besuchte und der Chefarzt der Kinderstation und erklärte uns, dass unsere Tochter derzeitig keinerlei Überlebenschancen hat und wir uns Gedanken darüber machen sollten, wie wir uns von ihr verabschieden möchten. Wir könnten sie taufen lassen vor der Beerdigung oder wir verabschieden uns ungetauft nach dem Kaiserschnitt von ihr. Wollten wir uns überhaupt verabschieden, oder sollten wir den einfachen Weg gehen ... wir lernen sie gar nicht erst kennen. Ich für meinen Teil wollte sie partout kennen lernen, wenn es auch nur für einen Augenblick sein sollte. Wir, Bine und ich einigten uns, dass wir unsere Jule für den Fall der Fälle auf ihrem kurzen Weg begleiten und sie in unserem Beisein ruhig einschlafen dürfte. Sicher könnt Ihr Euch vorstellen, dass diese ersten Tage für uns ein reines Horrorszenario waren.

Gemeinsam mit den Ärzten des UKA schafften wir es jedoch, die vorgezogene Geburt unserer Jule, durch Medikamente, um 23 Tage hinauszuzögern und so kam sie in der 25. SSW mit einem Gewicht von 530 Gramm und stattlichen 29 cm auf diese Welt. Bei der Geburt durfte ich nicht anwesend sein, da die Ärzte Jule´s Gesundheit nur schlecht zuordnen konnte. Um 18.44 Uhr kam unsere Hebamme Claudia mit einer gewärmten Decke an mir vorbei gehuscht und ging in den eigens für Jule erwärmten Raum, in dem das Notfall Team bereits auf sie wartete. Ich fühlte mich so elend in meiner Ohnmacht und die Zeit verwandelte sich zu Kaugummi. es schien Minuten zu dauern bis, .... war das das Schreien eines Kindes? War das meine Tochter? Wir befanden uns im Kreissaal, das konnte jedes andere Kind sein und doch ... es waren gerade mal 20 Sekunden vergangen, seit sie in eine Decke gehüllt an mir vorbei getragen wurde und dann kam die Bestätigung;  sie schrie und sie ATMETE ... alleine.

Knapp 10 Minuten später durfte ich sie erstmals sehen und das gesamte Notfall Team beglückwünschte mich zu einer kleinen aber gesunden Tochter. Niemals in meinem Leben sah ich einen so kleinen, kompletten Menschen. Mittlerweile war sie sehr erschöpft und döste vor sich hin. Die Strapazen der Geburt und der Erstversorgung sowie das Einführen des Tubus hatte sie völlig geschafft. Man gab Entwarnung, versicherte das alles in Ordnung war und verschwand mit dem fahrbaren Inkubator und unserer Tochter in Richtung Kinder-Intensivstation. Im Vorbeimarsch gab man mir noch eine schnelle Wegbeschreibung, die ich allerdings nicht wirklich begriff.

Nachdem ich diese Ereignisse halbwegs verarbeitet hatte, konnte ich mich wieder auf Sabine konzentrieren, sie war immer noch im OP, die Schwester, die mich da so hilflos im Flur stehen sah, brachte mir einen Kaffee und erkundigte sich bei dem operierenden Arzt für mich nach Sabine und erklärte mir, dass es noch rund eine halbe Stunde dauerte bis sie fertig seien. Die Gerinnungstörung, hervorgerufen durch das HELLP-Syndrom zwang das Ärzteteam dazu, die Nähte anders als normal zu schließen.

20 Uhr, Bine kam in den Aufwachraum und war noch für Stunden nicht wirklich ansprechbar. Die Hebamme schlug mir vor Jule zu besuchen. Mittlerweile war es 22.30 Uhr und ich verschlang noch schnell eine Cola und fuhr mit dem Fahrstuhl auf die 9. Etage. Ich klingelte an der Schleuse zur Intensivstation und wurde direkt freundlich empfangen. "Ich bin Jule´s Vater", stammelte ich. Ich musste mir einen grüne Umhang anziehen und meine Hände desinfizieren, dann ging es weiter. Irgendwie gehen die Uhren dort anders, auch sprechen die Betreuerinnen und Ärzte mit einem besonderen Tonfall, der beruhigend auf mich wirkte, keine Spur von Hektik. Ich trat an den Inkubator und man beglückwünschte mich hier ebenfalls zu unserer Tochter. "Sie ist ja echt ein Wirbelwind" hörte ich. Da lag sie nun vor mir und ich kann nicht beschreiben wie ich mich fühlte. Sofort bekam ich eine "Einweisung" um die ganzen Schläuche und Kontakte zu verstehen. "Und beatmet wird sie auch schon nicht mehr" sagte der Arzt ergänzend hinzu. Der Schlauch in ihrer Nase diente nur der Sauerstoffzufuhr um eine gewisse Sättigung im Blut zu erzielen. Die Spritzen für die Lungenreife, die Bine über Weihnachten bekam hatten genau der gewünschten Zweck erfüllt.

 

... geht weiter ...

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